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Monday, 16 July 2012

Rezension zur Engels-Biografie von Hunt


Quelle: http://www.taz.de/Biografie-ueber-Friedrich-Engels/!96387/


Der Prügelknabe

Der Historiker Tristram Hunt lässt in der Friedrich-Engels-Biografie Dokumente und Briefe für sich sprechen – und es gelingt ihm, dem kommunistischen Revolutionär gerecht zu werden.VON KLAUS BITTERMANN
Friedrich Engels (stehend), besänftigte die Launen von Karl Marx (sitzend). Bild:  Imago/Schöning
Von einer Biografie über Friedrich Engels, dessen Nachlass beinahe vollständig publiziert wurde einschließlich der Briefe und über den es tonnenweise Zeugnisse und Erinnerungen gibt, kann man keine neuen Aspekte erwarten, keinen Engels, der plötzlich in völlig anderem Licht erscheint. Man kann ihn nur verschieden interpretieren, wie das früher getan wurde, als aus der Idee des Kommunismus eine Lehre geworden war und Engels zum Oberlehrer ernannt wurde.
Inzwischen haben die meisten kommunistischen Regime, in denen Engels als einer der Religionsgründer galt, ihren Geist aufgegeben. Das Klima ist nun ein anderes, und vielleicht wurde es dadurch möglich, sich ihm entspannter zu nähern, so wie das der englische Historiker Tristram Hunt in seiner Biografie tut.
Hunt lässt vor allem die Dokumente und Briefe für sich sprechen, er hat sich also einer großen Fleißarbeit unterzogen, denn die Fülle des Materials von und über Engels ist gewaltig. Diese Aufgabe hat Tristram Hunt glänzend gemeistert, er hat in seinem vergnüglich zu lesenden und stellenweise packenden Buch die biografischen Elemente und den theoretischen Engels ins richtige Verhältnis gesetzt und den Einfluss beschrieben, den die Anfänge des Kapitalismus auf Engels’ Leben und Werk hatten.
Weit davon entfernt, die Biografie mit romanhaften Accessoires auszustatten, wie das häufig der Fall ist, wenn Historiker so tun, als hätten sie Gespräche belauscht und könnten sie wörtlich wiedergeben, steht Hunt in der besten angelsächsischen Tradition, eine gründlich recherchierte Biografie so zu präsentieren, dass man sie mit großem Erkenntnisgewinn lesen kann. Nach Marx, über den Francis Wheen 1999 eine exzellente Biografie geschrieben hat, hat nun auch Engels mit Tristram Hunt einen Biografen gefunden, der keinen ideologischen Blick auf ihn wirft und dem es gelungen ist, Engels gerecht zu werden.
Ohne ideologische Scheuklappen
Heute spricht kaum mehr jemand von Engels, weil man ihn „als Mann des Apparats und wissenschaftsgläubig abtat“. Er wurde zum „Prügelknaben“, dem man die Sünden des Marxismus aufbürdete, aber auch wenn die Schriften von Engels nicht die Bedeutung haben mögen wie die von Marx, so erwies sich Engels als ein Mann mit außergewöhnlicher Bildung, der sich ohne ideologische Scheuklappen mit allen Wissenschaften auseinandersetzte, die im 19. Jahrhundert Furore machten.
Noch bemerkenswerter war, dass Engels mit gesellschaftlichen Konventionen nicht viel am Hut hatte und bereits in seinem Alltag nach den kommunistischen Prinzipien lebte, die ihm vorschwebten, und gleichzeitig den Freuden des Kapitalismus durchaus einiges abgewinnen konnte. Er nahm an Fuchsjagden der High Society teil, war Textilfabrikant und Mitglied der Börse von Manchester und gleichzeitig ein „draufgängerischer, lebensfroher, dem Alkohol zugeneigter Liebhaber der schönen Dinge im Leben: Hummersalat, Château Margaux, Pilsner und kostspielige Frauen.“
Daneben unterstützte er aber auch seit vierzig Jahren Karl Marx, kümmerte sich um dessen Kinder, besänftigte seine Launen und war Mitautor des „Kommunistischen Manifests“. Nicht schlecht für ein Leben, das in einer wohlhabenden preußisch-kalvinistischen Kaufmannsfamilie begann. Aber in diesen Zeiten des Umbruchs und großer gesellschaftlicher Veränderungen in Europa ist es einfacher, ein außergewöhnliches Leben zu führen als in Zeiten des Stillstands.

Lärm und Emanzen
Die Julirevolution 1830 in Frankreich war eines der Anzeichen der Unruhe, die auch ins rheinländische Barmen strahlte, wo Engels aufwuchs. Diese Revolution stand für den Sturz eines antiquierten Autoritarismus, für einen Fortschritt und Freiheit verheißenden Patriotismus.
Als Engels Anfang der vierziger Jahre nach Berlin kam, um seine für ihn vorgesehene Militärausbildung zu absolvieren, hatten nach einer turbulenten Geschichte, in der Napoleon durchs Brandenburger Tor gezogen war, die reaktionären Kräfte wieder Oberwasser. Aber es existierte auch eine Salonkultur im Berlin, wo es über hundert Kaffeehäuser und Trinkhallen „voller Besserwisser“ (Heinrich Heine) gab, die idealen Orte für „übereifrige und unterbeschäftigte Akademiker“, um den politischen und literarischen Diskurs zu pflegen.
Hegels Geist lag noch in der Luft, aber 1840 hatte mit Friedrich Wilhelm IV. „die orthodoxe Frömmelei und die feudal-absolutistische Reaktion den Thron bestiegen“, wie Engels schrieb, der mit den „Freien“ Bruno Bauer, Max Stirner, Arnold Ruge und anderen „aggressiven, arroganten Intellektuellen“ und „Bierliteraten“ ostentativ seiner Verachtung für „moderne Moral, Religion und bürgerlichen Anstand“ Ausdruck verlieh. „Lärmende Persönlichkeiten“, die „durch ihren offenen Umgang mit emanzipierten Weibern die Blicke auf sich zogen“, wie Stephan Born schrieb.
So kündigen sich alle großen Ideen und Ereignisse an. Aber bis diese dann sichtbar wurden, war es noch ein weiter Weg. Im November 1842 traf Engels zum ersten Mal Marx in der Redaktion der Rheinischen Zeitung; ein „sehr kühles Zusammentreffen“, da Engels mit den Bauer-Brüdern verkehrte, deren „Phrasen-Kommunismus“ Marx verurteilte. Während in Frankreich Fourier und Saint-Simon von sich reden machten und Blanqui den Aufstand probte, verbrachten die beiden neuen Freunde in Bonn und Berlin die Nächte mit Alkohol und Diskussionen über Hegel, bis sie ihn dann endlich vom Kopf auf die Füße gestellt hatten.
Die beiden mussten in den auf sie zukommenden Wirren von 1848 noch viele „Abenteuer“ bestehen, nahmen an vergeblichen Scharmützeln gegen die Reaktion teil, wurden in Deutschland, Frankreich und Belgien des Landes verwiesen, bis sie in England strandeten. Das war ein ähnlicher Glücksfall für die Theorie wie später das Exil von Horkheimer und Adorno in den USA, als ihre Schrift „Die Dialektik der Aufklärung“ entstand, die nur dort entstehen konnte.
Der hässliche Kapitalismus
Engels, der aus finanziellen Gründen zähneknirschend in der Fabrik seines Vaters in Manchester arbeiten musste, befand sich an einem Ort, in dem sich der Kapitalismus von seiner hässlichsten und rücksichtslosesten Seite zeigte. Dort ließ sich studieren, was auf den Rest der Welt noch zukommen würde. Engels schrieb mit „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ einen der wichtigsten und einflussreichsten Grundlagen- und Propagandatexte zum Verständnis dafür, dass nur der Kommunismus eine Lösung für die sozialen Gegensätze sein konnte.
Engels verfügte, dass nach seinem Tod seine Asche auf dem Meer verstreut werden sollte. Er hat damit eine Form des Verschwindens gewählt, die deutlich macht, dass er auf eine Kanonisierung keinen Wert gelegt hat. Für die Vereinnahmung durch die kommunistischen Regime auf der ganzen Welt und noch weniger für die Verbrechen, die diese begangen haben, konnte er nichts, wie Tristram Hunt in seinem Schlusskapitel begründet. Wenn man das Buch gelesen hat, erscheinen die Argumente dafür fast ein wenig überflüssig.
Tristram Hunt: „Friedrich Engels. Der Mann, der den Kommunismus erfand“. Aus dem Englischen von K.-D. Schmidt. Propyläen Verlag, Berlin 2012, 576 Seiten, 24,99 Euro

Tuesday, 3 July 2012

Isaak Il’ič Rubin: Marxforscher – Ökonom – Verbannter Von INGO STÜTZLE

Quelle: http://www.stuetzle.in-berlin.de/2012/07/marxforscher-isaak-ilic-rubin-marxforscher-okonom-verbannter/


Isaak Il’ič Rubin: Marxforscher – Ökonom – Verbannter

»Der Menschewik Rubin revidierte Marx’ Lehre vom idealistischen bürgerlichen Standpunkt aus, beraubte den Marxismus seines revolutionären Inhalts, lenkte die Aufmerksamkeit der Ökonomen nach Schädlingsart vom Studium der Fragen der Sowjetökonomie ab und führte sie auf das Gebiet scholastischer Streitereien und Abstraktionen.« (Stalin, SW, Bd.12, 332)
Ein seit zehn Jahren geplanter Band ist nun endlich erschienen: Sonderband 4 der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Er ist Isaak Il’ič Rubin gewidmet, einem Marx-Forscher, der wie viele andere unter Stalin ermordet wurde. In Deutschland ist er vor allem durch seine Studien zur Marxschen Werttheorie bekannt, die erstmals 1929 erschienen. Das erst 1973 bei EVA auf Deutsch publizierte Buch hat zwei Mankos: Es wurde nicht aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt, sondern aus der englischen Übersetzung aus dem Russischen. Zudem wurde ein (in der englischen Fassung sehr wohl zu findendes) Kapitel einfach ignoriert: das zum Fetisch. Dieses Kapitel wurde dankenswerterweise 2010 von Devi Dumbadze für den Sammelband Kritik der politischen Philosophie ins Deutsche übertragen und von ihm in einem Aufsatz kommentiert. Neben einem etwas skurrilen Sammelband bei VSA ist vor allem noch A History of Economic Thought bekannt.1
Der Sonderband 4 zu Rubin ist schon jetzt ein Highlight des Jahres 2012. Zumindest für alle, die sich für die marxsche Geld- und Werttheorie interessieren. Neben einer Würdigung von Rubins Tätigkeit am Marx-Engels-Insitut, seiner Geschichte der politischen Ökonomie, finden sich im über 200 Seiten starken Sonderband mehrere biografische Aufsätze zu Rubin.2 Auf 110 Seiten kommt Rubin selbst zu Wort. Endlich wurde der Text Studien zur Geldtheorie von Marx(von Ilka John) übersetzt und so einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Anlass des Textes war wahrscheinlich Rubins Übersetzung von Marx’ Zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859, in der Marx etwas ausführlicher (als später im Kapital) auf Ware und Geld eingeht. 1923 im Knast begonnen arbeitete Rubin in den folgenden Jahren weiter an diesem Text. Dass der Text überhaupt überliefert wurde ist ein Glück und u.a. Rubins Frau Polina Petrovna zu verdanken, die die Manuskripte über die Jahre aufbewahrte und in der SU vergeblich für eine Rehabilitation Rubins kämpfte – das geschah erst nach 1990.
In der Ankündigung des Sonderbandes heißt es:
Der Politökonom und Marxforscher Isaak Il’ič Rubin (1886–1937) nahm eine wichtige Stellung in den ökonomischen und philosophischen Diskussionen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre in Sowjetrussland ein. Über ihn lag jedoch der „Bann der Partei“ – er war bekennender Menschewik. Sein zweites „Vergehen“ bestand darin, dass er eine Interpretation des ersten Bandes des „Kapitals“ vorlegte, die angeblich idealistischen Charakter trug. Hier wird in Fortsetzung seiner bekannten „Studien zur Marxschen Werttheorie“ erstmals in Übersetzung sein Manuskript über die Geldtheorie von Marx veröffentlicht. Schließlich war Rubin Leiter des Kabinetts für politische Ökonomie des Marx-Engels-Instituts unter Leitung von David B. Rjazanov (1870–1938). Diese Verbindung kam Stalin gerade recht, um beide 1931 aus der wissenschaftlichen Kommunikation ausschließen zu lassen.
Bestellungen nimmt jede gute Buchhandlung entgegen. Ebenso der Argument-Verlag oder die Redaktion der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge.
  1. Ein paar Aufsätze von Rubin finden sich hier. Lesenswert ist nach wie vor der Text Abstrakte Arbeit und Wert im Marxschen System von 1927 
  2. Ludmila Vasina schrieb bereits für die Beiträge 1994 eine knappe biografische Skizze