Home Page

Thursday, 10 February 2011

Jan Hoff: Marx global Von INGO STÜTZLE


http://www.stuetzle.in-berlin.de/2010/01/aufgeblattert-jan-hoff-marx-global/



Aufgeblättert – Jan Hoff: Marx global

Für den aktuellen Widerspruch 57 (Inhalt & Editorial) habe ich besprochen:
Mit der weltweiten Krise fanden nicht zufällig vermehrt Studien zur  Marxschen Ökonomiekritik den Weg ins Feuilleton. Fast  scheint es so: Droht der Kollaps des Kapitalismus, werden auch all die Theorien an die Oberfläche des wirtschaftswissenschaftlichen Diskurses gespült, die Krisen als ein notwendige Konsequenz dieser auf Profit ausgerichteten Wirtschaftsweise thematisieren. Dass schon länger ein ernsthaftes Interesse an Marx besteht, zeigt sich daran, dass inzwischen einige Arbeiten zu abgebrochenen und dissidenten Traditionen des Marxismus vorliegen, solche also, die nicht mehr die Marxsche Theorie aneignen, sondern bereits die unterschiedlichen Rezeptionsansätze, Aneignungsweisen und Debatten zum Thema haben. So auch das Buch von Jan Hoff: Marx global.
Der Titel ist Programm. Hoff nimmt sich nicht wenig vor, nämlich den internationalen Marx-Diskurs seit 1965 zu rekonstruieren. Nicht ohne Grund: »Im scheinbaren Gegensatz zur beinahe globalen Entwicklung der an Marx anknüpfenden Theoriebildung blieb ein theoretischer Provinzialismus in der Geschichte des von Marx inspirierten Denkens ein bedauerliches Traditionsmerkmal der Theorierezeption.« (S.14)
Ausgangspunkt ist die Phase der Entstalinisierung, auf die ab 1953 sehr langsam, dann aber gegen Ende der 1960er Jahre eine globale Welle von Emanzipationsbewegungen und Revolten folgte. Der theoretische Stalinismus dominierte in Westdeutschland bis weit in die 60er Jahre den Diskursraum über Marx, in den realsozialistischen Ländern  weit länger.  Er war damit aber zugleich Ausgangs- und Reibungspunkt  einer neuen, über Strecken dissidenten Marx-Lektüre – nicht nur außerhalb der Sowjetunion. Hoff zeichnet kenntnisreich und belesen einen Überblick vor allem der Kapital-Rezeption und bezieht Japan, weitere ostasiatischen Länder, die Sowjetunion, die DDR und anderen Ländern des Ostblocks in seine Darstellung ein. Ebenso bezieht er die Debatten in Italien, Frankreich, Lateinamerika und Spanien sowie der angelsächsischen Welt ein. Die Überwindung des von Hoff kritisierten Provinzialismus, der nur die deutschsprachigen Beiträge zu einer neuen Marx-Lektüre zur Kenntnis nimmt, hat notwendigerweise zur Folge, dass die Darstellung der Debatten nicht ausladend sein kann. Wohl auch deshalb hat sich Hoff  entschieden, eine Vertiefung an zentralen Diskursen der Kapital-Interpretation in den genannten Ländern vorzunehmen. Nach einem ersten Überblick geht er zeitlich begrenzt vor, d.h. von den 1980er Jahren bis heute, den jeweiligen Debatten zum Gegenstandverständnis der Kritik der politischen Ökonomie, zum Verhältnis von Forschung und Darstellung, zu den Planentwürfen sowie zur Krisentheorie. Hoff geht es darum, die wichtigsten Erkenntnisresultate vorzustellen. Das gelingt ihm, indem er sich nicht nur in den Debatten auskennt, sondern auch mit Marx selbst sehr gut vertraut ist und durchgehend alle relevanten Textpassagen aus der kritischen Gesamtausgabe (MEGA²) heranzieht.
Vor allem die ersten drei von Hoff vertieften Aspekte  hängen eng miteinander zusammen, was seine Fokussierung plausibel und im Resultat auch lehrreich macht. Hoff arbeitet in seiner Analyse kurz Marx Gegenstandsverständnis heraus, das ihm zufolge eng mit der Problematik des Warenfetischismus verknüpft ist. Ein Moment, der das neue im Gegensatz zum traditionellen Marx-Verständnis ausmacht. Wie Hoff vor allem anhand der japanischen, deutschen und angelsächsischen Debatte zeigt, ist Marx’ Verständnis von Engels logisch-historischer Auslegung zu unterscheiden. Auch spielt für das Verständnis des Gegenstandes des Kapitals seit den 1970er Jahren in fast allen Ländern der kategoriale Zusammenhang von Ware-Wert-Geld eine zunehmend starke Rolle.
In diesen Debatten wird in vielen Ländern auch das Problem diskutiert, welche Fragen bei Marx in den Gegenstandsbereich des „Kapitals“  gehören, welche nicht. Marx selbst änderte in seinen Forschungen die Vorstellungen darüber, wie der Stoff in Griff zu kriegen sei (sehr gut und knapp skizziert in MEGA² II.15: 1042f.). Ein großer Verdienst von Hoff ist, dass er bei dieser Frage und vor allem bei der Debatte um die von Marx selbst immer wieder veränderten Planentwürfe die DDR-Forschung berücksichtigt und darstellt. Die internationale Debatte verfolgt Hoff entlang bekannter Fragen nach den „Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten“ und nach dem  theoretischen Verhältnis von Marx zu Hegel. Wie auch die Frage: Was bedeutet der Terminus “Kapital im allgemeinen” für die Diskussion der Planentwürfe?
Sicherlich ist die Diskussion über die Notwendigkeit und Gründe von Krisen gegenwärtig das interessanteste Thema. Ausgangspunkt für Hoffs Darstellung ist Marx’ Kritik am sogenannten  Sayschen Theorem, dass ein Angebot also immer eine Nachfrage findet, eine Vorstellung, der auch Ricardo folgte. Marx grundsätzliche Kritik daran fällt nahezu mit einer Kritik prämonetärer Werttheorie zusammen: Die Politische Ökonomie würde ihre Theorie bereits so konstruieren, dass der Theorie nach gar keine Krisen möglich sind, da Geld keine konstitutive Rolle für Produktion und Tausch spielt. Vor allem für die sogenannte Uno-Schule (Japan) war die Krisentheorie eines der bedeutendsten Theoriefelder. Den Abschnitt beschließt Hoff mit dem Verweis, dass Marx zufolge der Weltmarkt »die Basis der kapitalistischen Produktionsweise« sei und nimmt so nochmals die Darstellung der Plandiskussion auf und korrigiert zudem ein Aspekt des vorherrschenden Marx-Verständnisses. Gegen Ende seines Lebens ging Marx nämlich alles andere als von einem Zusammenbruch des Kapitalismus aus, sondern forderte dazu auf, Krisen und Zyklen genauer zu beobachten, um daraus theoretische Schlüsse ziehen zu können. Marx macht in der Lösung der Darstellungsproblematik  auch deshalb nur mühsam Fortschritte, weil er immer zugleich weiterforschte.
Auffallend ist, das zeigt der Band, dass Japan eine besondere Rolle in der Diskussion einnimmt. Hier wurde das Kapital zwar erst Anfang der 1920er Jahre übersetzt, aber schon bald setzte eine profunde Diskussion ein, die auch auf Austausch mit westlichen WissenschaftlerInnen fußte. Die wichtigsten Namen sind hier Kozo Uno, dessen Name bereits eine Strömung bezeichnet (Uno-Schule). Uno strebte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an, das “Kapital” neu zu schreiben und dabei strikt die unterschiedlichen Abstraktionsebenen zu differenzieren. Dieses Projekt hatte nicht nur eine methodologische Selbstverständigung zur Folge, sondern stellte einen bedeutenden Beitrag zur Entstalinisierung in Japan bei. Zur Uno-Schule zählen u.a. Thomas Sekine und Makoto Itoh. Letzterer publizierte erst von einigen Jahren ein wichtiges Buch zu Finanzmärkten. Diese sind vor allem deshalb bekannt, weil ihre Schriften auch auf Englisch erschienen.
Damit wäre auch eine Frage angeschnitten, die Hoff kaum thematisiert, die sich aber aufdrängt:  die Sprache und die Rolle des Englischen, aber auch des Deutschen. Viele Theoretiker – meist sind es Männer –, die er Ländern wie Korea oder Griechenland zuordnet, haben eine Weile in Deutschland studiert und sind der Sprache mächtig. Teilweise liegen ihre Arbeiten auf Deutsch vor. Das ist nachvollziehbar, schließlich publizierte und schrieb Marx vornehmlich in Deutsch. Was aber bedeutet das für eine internationale Debatte? Für eine wissenschaftliche Debatte, die vor allem durch in Englische  geführt wird. Das stellt Hoff knapp heraus, wenn er eine relative Abschottung der angelsächsischen Debatte konstatiert – obwohl sie in der herrschenden Wissenschaftssprache geführt wird. Diese relative Selbstständigkeit sprachlicher Wissenschaftmilieus zeigt sich bei der Frage nach dem Einfluss von Hegels „Wissenschaft der Logik“auf die Marxsche Darstellungsmethode, die seit Anfang der 1960er in Deutschland diskutiert, aber in England nicht zur Kenntnis genommen wurde. So wiederholt sich im angelsächsischen Sprachraum eine Debatte nahezu vierzig Jahre später – ganz so, als hätte sie noch nie stattgefunden. Wer im deutschsprachigen Raum die Nabelschau auf die Debatte und Weiterentwicklung der neuen Kapital-Lektüre überwinden will, wissen möchte, wo man weiter lesen kann, kommt um Hoffs Buch nicht herum.

Ingo Elbe Marx im Westen Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965

Autor: Ingo Elbe

Marx im Westen

Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965, 2. Aufl.



Über Jahrzehnte beanspruchten die komplementären Diskurse des östlichen partei-, später staatsoffiziellen Marxismus sowie des westlichen Antikommunismus die nahezu uneingeschränkte Definitionsmacht über das, was gemeinhin als ‚Marxsche Theorie’ oder ‚wissenschaftlicher Sozialismus’ galt. Dagegen machte sich ab Mitte der 1960er Jahre eine neue Lektüre-Bewegung vor allem in der Bundesrepublik daran, die originellen wissenschaftlichen Gehalte des Marxschen Denkens zu entdecken. Der Rezeptionsschutt der vorangegangenen 100 Jahre sollte weggeräumt werden, um für die Rekonstruktion einer kritischen Gesellschaftstheorie mit einem innovativen Methoden- und Gegenstandsverständnis Platz zu schaffen.
Das Buch vergegenwärtigt die Quellen, Geschichte und Resultate dieses neuen Diskussionskontexts. Drei Stränge der Debatte werden näher beleuchtet: Die methodologische und werttheoretische Grundlagenforschung, die Staatsableitung sowie die Untersuchung der revolutionstheoretischen Implikationen der Kritik der politischen Ökonomie. Dabei wird gezeigt, dass in einem noch keineswegs abgeschlossenen Forschungsprozess die Umrisse einer bei Marx angelegten Theorie erkennbar werden, die wichtige Impulse zum Verständnis der modernen Reichtums- und Herrschaftsformen geben kann und in vielem geradezu das Gegenteil von dem zeigt, was man von Marx in marxistischen wie nicht-marxistischen Kreisen zu wissen glaubte.
643 S., gebunden Preis: € 69,80 (ISBN 978-3-05-004920-5) Politische Ideen, Bd. 21, 2. Aufl. 2010
Pressestimmen:
"In der Strenge der begrifflichen Arbeit und dem souveränen Zugriff auf das überreiche Material zählt dieses herausragende Werk zu den unerwarteten Lichtblicken, die der Marxforschung wieder Ansehen und Geltung verschaffen können." (Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau 2009)
„Ingo Elbe hat mit ‚Marx im Westen’ einen Text vorgelegt, der [...] das Zeug zum Standard- und Nachschlagewerk zu den Debatten marxistischer Theoretiker im Westdeutschland der 1960er und 70er hat.“ (Z- Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 78/ Juni 2009)
“a profound reconstruction of the recent debates on the critique of the political economy of Marx in German-speaking research” (Pushkin 1/2009)
"gelingt es Elbe, in seiner sowohl detailreichen wie klar gegliederten Arbeit an die Zerstörung vieler gängiger Klischees zu erinnern [...] Die Diskussion um die Marxsche Methode zwischen Hegelscher Logik, materialistischer Dialektik und Kritik analytischer Philosophen gehört mit zum Spannendsten im Buch" (Widerspruch Nr. 49/2009)
"Elbe hat eine Maßstäbe setzende Arbeit vorgelegt, die sich durch umfassendste Textkenntnisse auszeichnet, qua einer sachlichen wie peniblen Interpretation des Materials brilliert und [...] durch eine Form profitiert, die sich der Polemik, nicht aber angemessener Kritik enthält" (Hintergrund Nr. 3/2009)
"Der Autor rekonstruiert mit viel Sympathie die seit Mitte der 60er-Jahre entstehende neue Marxlektüre in der Bundesrepublik, die seiner Ansicht nach neben der traditionellen Interpretation [...] einerseits und dem westlichen Marxismus [...] andererseits zur wichtigsten Deutung der Marxschen Schriften gehört." (Zeitschrift für Politikwissenschaft 1/2009)
„Wer bereit ist, etwas Mühe zu investieren [...] wird viel lernen. [...] Es gilt Marx endlich wieder als Wissenschaftler ernst zu nehmen. Das ist der grosse Verdienst von Elbes Arbeit.“ (WOZ, 18.12.2008)
"Nach der Lektüre [...] ist man auf jeden Fall um einiges klüger" (philtrat, Dez. 2008)
„Endlich hält man ein Werk in der Hand, das alle relevanten Diskussionen aus dem Spektrum der Werttheorie präsentiert. Auch der Diskussion über die Marxsche Methode wird großer Raum gegeben, die Unterschiede zwischen Engels und Marx herausgestellt. Elbe ist sich nicht zu schade, auch manch abseitige Diskussion zu durchforsten.“ (Neues Deutschland, 25. November 2008)
"daß Elbe ein sehr breites Spektrum von marxistischen Theoretikern ... aufgearbeitet hat. Die ... Theoretiker, mit denen sich Elbe beschäftigt hat, ... sind ... über das Namensregister erschlossen und im Text bei der ersten Erwähnung fett gedruckt, was die Benutzung des Buches als Nachschlagewerk erleichtert." (IFB - digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft 2010)
„Wer sich künftig mit dieser Spielart des Neomarxismus befassen möchte, wird an seinem Buch nicht vorbeikommen“ (Marx-Engels Jahrbuch 2008)
"Elbes Ansatz, mit dem Begriff der Form einen einheitlichen Diskussionsrahmen, mit dem orthodoxen Marxismus einen klaren Gegner, sowie mit den drei wesentlichen Gegenstandsbereichen Methode und Grundbegriffe der Ökonomiekritik, Staatsableitung und Revolutionstheorie die Kernpunkte der NML auszumachen, ist als Orientierung in der unübersichtlichen Diskussionslage um das Marxsche Werk von großer Bedeutung. Das Buch ist im besten Sinne des Wortes eine Abkürzung durch den Stoff, behandelt sein Thema weitgehend erschöpfend, ist ... um eine Klarheit der Darstellung der unterschiedlichen Positionen bemüht ..." (phase2 Nr.31/2009)
"the definitive history of the West German debates on the value-form, the state derivation debate, and related topics" (Principia Dialectica)
"Ihm gelingt ... eine beachtliche, theorieimmanente Aufarbeitung der verschiedenen Debatten und das Aufzeigen von darin enthaltenen Mängeln ... ein unverzichtbares Buch" (Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung III/2010)