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Wednesday, 6 October 2010

Unter Klassikern. Die Marx-Engels-Gesamtausgabe geht an den Akademie Verlag

Unter Klassikern. Die Marx-Engels-Gesamtausgabe geht an den Akademie Verlag*

Auf halbem Weg zum kommunistischen Paradies begegnete David Borisovic Rjazanov dem Teufel. Der Weg zur befreiten Gesellschaft, so hatte sich der Direktor des Moskauer Marx-Engels-Instituts gedacht, müsse mit einer guten Edition gepflastert werden. Im Februar 1931 ließ Stalin ihn verhaften und verbannen, seiner Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) machte er mit den üblichen Mitteln von Repression und Terror ein Ende. Von der auf 42 Bände geplanten Ausgabe waren gerade dreizehn fertig geworden. Das schien dem Teufel schon zuviel. Mehr wollte er von den Kirchenvätern nicht gedruckt sehen. In ihren nachgelassenen Papieren gab es zu vieles, was der Dogmatik, die Stalin gelten ließ, widersprochen hätte.
Was alles an skeptischen, ketzerischen und rußlandkritischen Bemerkungen sich in Marx’ und Engels Exzerptheften verbergen mag, wird man demnächst in Muße studieren können. Seit gestern ist die "zweite MEGA", im Tauwetter der Nachstalinzeit konzipiert und seit 1975 verwirklicht, in neuen Händen. Vom Karl Dietz Verlag, der sich im Besitz der PDS befindet, ging die Edition an den zu Oldenbourg gehörenden, in Berlin ansässigen Akademie Verlag über. Dort sollen nun die noch ausstehenden 75 Bände des Mammutunternehmens, Marx-Engels-Gesamtausgabe im buchstäblichen Sinn, in zügiger Folge erscheinen. Bis zum Jahr 2015 ist die Finanzierung der Edition gesichert. Getragen wird sie von der Marx-Engels-Stiftung, zu der neben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften das Trierer Karl-Marx-Haus und zwei russische Institute gehören. Im Jahr 2030, so die realistische Prognose, wird das Werk abgeschlossen sein. 122 (Teil-)Bände, mehrere laufende Meter in Dunkelblau, werden dann die Regale schmücken. Die Konkurrenz mit dem "Migne" der christlichen Väter brauchen Marx und Engels nicht mehr zu scheuen.
Dieser Vergleich erlaubt auch, von einer schlanken Edition zu sprechen. Die ursprüngliche Planung der zweiten MEGA nämlich sah insgesamt 170 Bände vor, eine Zahl, die sich durch die zugehörigen Apparatbände noch einmal verdoppelt hätte. Vierzig Bände waren bis 1989 vollendet, editorisch wertneutral und wertstabil, ideologisch gefärbt nur in den Vorworten. Die Wende beförderte die MEGA nicht, wie zu befürchten, auf den Berg des welthistorischen Sperrmülls, sondern bescherte ihr – von Dieter Henrich positiv evaluiert und von den deutschen Akademien in den erlauchten Kreis ihrer 150 Langzeitvorhaben aufgenommen – eine glänzende postsozialistische Zukunft.
Schon jetzt darf man auf die vollständige Edition der Entwürfe, Fragmente, und Exzerpte aus dem Umkreis des "Kapitals" gespannt sein. Deutlicher wird man dann einen Autor sehen, der seit der Veröffentlichung des ersten Bandes 1867 immer weiter schweifend liest, immer neues Material sammelt und darüber immer unzufriedener und schließlich krank wird, weil er sich außerstande sieht, das geplante Werk tatsächlich auszuführen. Was Engels’ pietätvolles Editorenwerk kaschierte, wird dann vor aller Augen liegen: das "Kapital" als kapitale Ruine.
Entpolitisierung, Internationalisierung und Akademisierung lauteten die drei Wünsche, die sich mit dem Fortgang der Arbeit an der MEGA verbanden. Mit dem Weggang vom Dietz Verlag dürfte der erste erfüllt sein: Der Philologie wurde der letzte Giftzahn des Parteigängertums gezogen. Die Erfüllung des dritten garantiert die Unterbringung beim Akademie Verlag. Dort rangieren die blauen Bände nun zwischen den Großausgaben von Aristoteles, Leibniz, Wieland, Forster und Aby Warburg – Klassiker unter sich. Die Abendröte des Sozialismus ist Erntezeit, die Bücherschränke füllen sich. Bei der Entscheidung über Abbruch oder Fortführung des MEGA-Unternehmens soll übrigens ein weiteres Mal der jetzt scheidende Kanzler seine kulturpolitische Kompetenz unter Beweis gestellt haben. Natürlich, ließ er verlauten, werde die Edition weitergeführt. Der wichtigere der beiden Autoren sei schließlich Pfälzer gewesen.
ULRICH RAULFF
*Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Oktober 1998. S. 41.

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