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Wednesday, 24 July 2013

Marx-Engels-Gesamtausgabe Lauter Prolegomena. Helmut König


Quelle: http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur-und-kunst/lauter-prolegomena-1.18119594

Marx-Engels-Gesamtausgabe

Lauter Prolegomena

Literatur und Kunst 
 Y
Tai-Chi-Übungen im Schatten zweier steinerner Geister in Schanghai.
Tai-Chi-Übungen im Schatten zweier steinerner Geister in Schanghai. (Bild: Katja Hoffmann / Laif)

Etwas Megalomanisches klingt an: Die «MEGA», die Marx-Engels-Gesamtausgabe, veröffentlicht alles, was Karl Marx und Friedrich Engels je zu Papier brachten. Das monumentale Projekt begann, lange vor 1989, als Selbstfeier des «wissenschaftlichen Sozialismus»; inzwischen ist es ein Unternehmen der Ernüchterung.
Helmut König
Das Verhältnis zwischen Denken und Handeln, Theorie und Praxis kann man sich in dreierlei Weise zurechtlegen. In der ersten Variante gehen die Ideen der Praxis wie ein Blitz dem Donner voraus – oder besser: Sie kündigen und leiten als Geistesblitze den Donner an. In der zweiten Variante gehen die Ideen der Praxis nicht voraus, sondern liefern immer nur im Nachhinein den Sinn und den geheimen Plan, nach dem die Geschehnisse abliefen. In der dritten Variante schliesslich stehen die Ideen der Praxis nicht gegenüber, sondern sind ein Teil von ihr. Ideen zu entwickeln – zu denken, zu schreiben und zu reden –, ist dann selber eine Form von Praxis.
Karl Marx und Friedrich Engels verkündeten eine Kombination aus der ersten und der zweiten Variante. Sie meinten das Bewegungsgesetz von Geschichte und Gesellschaft entdeckt zu haben und mit diesem privilegierten Wissen auch eine führende Rolle in der revolutionären Umgestaltung der Welt in Anspruch nehmen zu sollen. Die kommunistische Weltbewegung erhob diese Meinung zum Glauben und machte den Marxismus zu einer allwissenden Theorie, die ihre Anhänger wie eine unfehlbare Führerin durch die Labyrinthe vergangener, gegenwärtiger und künftiger Geschichte sicher hindurchleitet.

Vorgeschichte

Die phantastischen Ansprüche der Marxschen Lehre und des Marxismus haben in der Gegenwart ihren Zauber verloren. Heute zeigt sich, dass die Schriften von Marx und Engels dann am besten zu verstehen sind, wenn man sie – in der Perspektive der dritten Variante – als Interventionen und Parteinahmen in einem stets umstrittenen und umkämpften Terrain ansieht. Jede Theorie, auch die von Marx und Engels, steht in einem Spannungsfeld, das sie nicht beherrscht, sondern von dem sie ihrerseits abhängig ist, auf das sie aber auch einzuwirken vermag.
Dieser ernüchternde Blick wird zunehmend unabweisbar dank der gigantischen Unternehmung einer historisch-kritischen Gesamtausgabe, in der alles, aber auch wirklich alles, was Marx und Engels jemals zu Papier gebracht haben, gedruckt und öffentlich gemacht wird. Solche Ernüchterung war nicht die Absicht, die sich mit der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) ursprünglich verband, das Projekt zielte anfangs, im Gegenteil, in die Richtung einer Hagiografie.
Die mittlerweile neunzigjährige Geschichte der Marx-Engels-Editionen ist überaus aufschlussreich. Sie spiegelt und dokumentiert auf ihre Weise den Aufstieg, den Horror und den Untergang der kommunistischen Weltbewegung im 20. Jahrhundert. David Rjasanow, der damalige Leiter des Moskauer Marx-Engels-Instituts, hatte in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Herausgabe der ersten MEGA begonnen. Rjasanow wurde dann zum Opfer des Stalinschen Terrors: 1931 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und verbannt, 1938 erschossen. Weitere Mitarbeiter an der Edition traf ein ähnliches Schicksal. Die Arbeiten an der Ausgabe wurden eingestellt.
Ab 1956 erschienen in Ostberlin die Marx-Engels-Werke (MEW), die zwar strengen historisch-kritischen Editionsprinzipien nicht genügten, aber dafür als Studienausgabe umso mehr Furore machten. Die legendären blauen Bände durften in keinem linken Bücherregal des westdeutschen roten Jahrzehnts nach 1967 fehlen, und in ungezählten Examensarbeiten, Seminardiskussionen, Dissertationen, Schulungskursen und Redeschlachten wurden sie zitiert. Die linken Gruppierungen, die nicht nur den Kapitalismus, sondern mit besonderer Vorliebe einander gegenseitig bekämpften, fanden hier reichlich Zitatenmunition für ihre Grabenkämpfe. Über die korrekte Auslegung des 24. Kapitels des «Kapitals» (MEW, Band 23), «Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation», wurde mit einer Erbitterung und Intensität gestritten, als stünde die Entscheidung über Sieg und Niederlage im bevorstehenden letzten Gefecht der Arbeiterklasse auf dem Spiel.
Derweil nahmen die kommunistischen Parteien in Moskau und Ostberlin Ende der sechziger Jahre Anlauf für eine neue historisch-kritische Gesamtausgabe. Geplanter Umfang: 165 Bände. Bis 1991/92 erschienen davon insgesamt 40 Doppel- bzw. Teilbände. Mit dem Untergang des Realsozialismus stand die Edition auf der Kippe. Dank positiver Beurteilung durch unabhängige Gutachter und – jedenfalls hält sich hartnäckig das entsprechende Gerücht – dank einem Votum des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl stieg die MEGA wie ein Phönix aus der Asche des realen Sozialismus wieder auf. Helmut Kohl, so heisst es, habe die Verbreitung der Marxschen Lehre auf keinen Fall dadurch befördern wollen, dass auch nur im Entferntesten der Anschein erweckt werde, er wolle die weitere Publikation der Schriften verhindern. – Das wäre, wenn es so war, ein Gedanke von wahrhaft dialektischer Grösse.

Seriös und sorgfältig

Die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften nahm sich jedenfalls nun der Ausgabe an und stellte im Rahmen des von Bund und Ländern getragenen Akademieprogramms das Geld zur Verfügung. Die MEGA wurde auf 114 Bände verschlankt, von allen politischen Vorgaben befreit, akademisiert, internationalisiert und auf neue organisatorische Beine gestellt. Die Internationale Marx-Engels-Stiftung, 1990 in Amsterdam gegründet, fungiert als neue Herausgeberin, es gibt nach allen Regeln der wissenschaftlichen Seriosität eine Redaktionskommission und einen wissenschaftlichen Beirat, es gibt neue Editionsrichtlinien, und es gibt einen neuen Verlag, den Akademie-Verlag. Seit 2011 ist eine Reihe von Bänden auch digital frei zugänglich. Die Untergliederung der Ausgabe in vier Abteilungen wurde beibehalten: I. Werke, Artikel, Entwürfe; II. Das Kapital und Vorarbeiten; III. Briefwechsel; IV. Exzerpte, Notizen, Marginalien. Editoren in aller Welt erarbeiten die Bände, die Fäden laufen in einer Arbeitsstelle an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften zusammen; 60 Bände sind insgesamt bisher erschienen.
Es ist – alles in allem – ein Wunder, dass es diese Ausgabe gibt, und es ist zu wünschen, dass sie vollständig zu Ende geführt wird. Sie ist ein Vorbild an Seriosität und Sorgfalt. In einem jeweils vom Text getrennten umfangreichen Apparatband wird alles geliefert, was man sich von einer historisch-kritischen Ausgabe nur wünschen kann: präzise Informationen zur Entstehung der Texte und zu ihrer Überlieferung, ein ausführliches Varianten- und Korrekturenverzeichnis, Erläuterungen, umfangreiche Register. Die ausführlichen Einführungen atmen allerdings doch noch hin und wieder den alten Geist leicht autoritär daherkommender Deutungen. Oftmals gehören sie nicht in einen Apparatband, sondern wären besser in den «Marx-Engels-Jahrbüchern» untergebracht, die sich als akademisches Forum einer wissenschaftlichen Debatte verstehen.
Die unglaubliche philologische Akribie, mit der die Editoren zu Werke gehen, könnte den Eindruck aufkommen lassen, dass wir – dann doch wieder – einer Heiligenverehrung beiwohnen. Den winzigsten Details, jedem Wort, jedem Buchstaben, jedem Feder- und Bleistiftstrich, wird eine Aufmerksamkeit zuteil, wie das bei der Dokumentation von Vorgängen eines Heilsgeschehens der Fall ist. Die Handschriften werden wie Reliquien behandelt, an denen alles und jedes bedeutend ist oder sich einmal als bedeutend erweisen könnte. (Freilich ist derlei auch bei philologisch akkuraten Editionen anderer Autoren zu verzeichnen.)
Aber die ausgefuchsten philologischen Techniken und Instrumente schlagen mit schöner Regelmässigkeit in ein Stück grandioser Aufklärung und Entheroisierung um. Das kann man zum Beispiel an der zweiten Abteilung ablesen, die mit dem jüngst erschienenen Band II/4.3 nunmehr vollständig vorliegt (Karl Marx: Ökonomische Manuskripte 1863–1868, Teil 3, insgesamt 1065 Seiten, davon 403 Seiten Text, der Rest ist Apparat). Diese Abteilung enthält das wissenschaftliche Epizentrum des Werks von Marx und Engels. Im «Kapital» wollte Marx das Bewegungsgesetz der bürgerlichen Gesellschaft aufdecken und ihren unvermeidlichen Untergang mit wissenschaftlicher Exaktheit vorzeichnen. Und weil der Verfasser dieses umstürzenden Werkes angeblich etwas gesehen hatte, was zu sehen (fast) allen anderen verwehrt war, leitete er aus diesem privilegierten und absoluten Wissen die Berechtigung ab, gemeinsam mit seinem Freund und «General» Engels den überall in der industriellen Welt entstehenden sozialen Bewegungen des Sozialismus und des Kommunismus den richtigen Weg zu weisen.
Aber siehe da: Nun zeigen die 15 Bände (in 22 Einzelbänden) der zweiten Abteilung auf Tausenden von Seiten etwas ganz anderes. Sie zeigen, dass Marx der ersehnte Aufstieg aus dem Reich der Schatten in die Welt des wahren Wissens und der unbezweifelbaren Erkenntnis gründlich misslungen ist. Engels freilich wischte alle Zweifel beiseite und kompilierte aus einem unübersichtlichen Berg von Manuskripten, Entwürfen und Notizen, die Marx bei seinem Tod 1883 hinterlassen hatte, mit reichlich robusten und an Willkür grenzenden Eingriffen einen zweiten und dritten Band des «Kapitals». Und Engels erweckte zugleich den durchaus irreführenden Eindruck, dass Marx nur durch Äusserlichkeiten, durch Krankheiten vor allem, an der Vollendung seines wissenschaftlichen Hauptwerks gehindert worden sei.

Die «ökonomische Scheisse»

In Wirklichkeit lagen die Dinge ganz anders. Marx selber zweifelte zunehmend an dem «Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate», dem Dreh- und Angelpunkt der Untergangsprognose, die er der Ära des Kapitalismus stellte. Und überhaupt fügt sich sein Denken, Leben und Arbeiten ganz und gar nicht dem Schema, wonach jemand voller Überzeugung alles darangesetzt hätte, sein «Werk» zu vollenden – eines, das der Bourgeoisie und dem Kapitalismus die Totenglocke läuten würde. Jede Möglichkeit der Ablenkung von der «ökonomischen Scheisse», wie Marx sich auszudrücken pflegte, kam ihm gelegen. Nur zu gern verfasste er journalistische Gelegenheitsarbeiten, beispielsweise für die renommierte «New York Tribune». Nur zu gern verlor der promovierte Philosoph sich in der Lektüre von Fachbüchern nicht nur zu Ökonomie und Geschichte, sondern auch zu Mathematik, Geologie, Agrikultur, Chemie, Elektrizität, Physiologie . . .
Das alles stand nur in einem sehr lockeren Zusammenhang mit der Arbeit an der Kritik der politischen Ökonomie, die aber doch eigentlich hätte Vorrang haben müssen vor allen anderen Arbeiten. Und wo man einen direkteren Zusammenhang vermuten kann, wird es eher noch abstruser: Am liebsten hätte Marx mithilfe mathematischer Gleichungen der Bourgeoisie förmlich vorgerechnet, dass es mit ihr unweigerlich, sie mochte sich anstellen, wie sie wollte, bergab gehen werde.
Sichtbar wird hier ein Marx, der an seinem Hauptwerk keine Freude hatte und der deswegen auch keinen ernsthaften Ehrgeiz zu dessen Vollendung an den Tag legte. Sichtbar wird ein Marx, der sich vielfältig in dem Bemühen verfing, alles in seiner Zeit verfügbare Wissen in einem durchaus positivistischen Sinn in sich aufzunehmen, und der damit eigentlich dem Ideal eines universalen Gelehrten alter Schule anhing. – Kein Zufall also, dass Marx den letzten Universalgelehrten: Leibniz, so sehr bewunderte und sich voller Besitzerstolz zwei Stück Tapete aus dessen Arbeitszimmer über seinen eigenen Schreibtisch hängte.

Vorarbeiten ohne Ende

Sichtbar wird zudem ein Marx, der nicht über den Dingen und über seiner Zeit steht, sondern mit dem festen Glauben an Notwendigkeit, Produktivität und Evolution den vorherrschenden Denkfiguren des 19. Jahrhunderts zugehört. Und vor allem wird sichtbar: Die Marxsche Lehre ist ein grosser Torso, sie besteht aus lauter Fragmenten, die kaum einmal wirklich zusammenpassen. Es gibt keinen fertigen Text, kein Werk, sondern immer nur Anläufe, Notizen, Exzerpte, Schemata, Rechenexempel, Manuskripte, weitere Vorarbeiten, Vorklärungen, Ankündigungen, programmatische Absichtserklärungen – zur Verwirklichung kommt es nie. Der Text des ominösen Hauptwerks «Das Kapital» besteht aus nichts als Prolegomena, Prolegomena in Permanenz. Das alles gilt nicht nur für «Das Kapital», sondern etwa auch für die «Deutsche Ideologie». Deren Publikation in der MEGA, die noch bevorsteht und hoffentlich nicht mehr zu lange auf sich warten lässt, dürfte die nächste grosse Entmystifizierung des grossen Karl Marx bewirken.
Prof. Dr. Helmut König lehrt Politische Wissenschaft mit dem Schwerpunkt politische Theorie und Ideengeschichte an der Rheinisch-Westfälischen Hochschule Aachen

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